Familienbesuch in der Windy City


Wir sind ja gerne pünktlich am Flughafen, um das leidige Einchecken schnell und reibungslos zu erledigen. Und mit dem Expressbus von der Grand Central Station nach La Guardia verlief das Hinfahren glatt und zügig. La Guardia ist dann auch nicht so riesig, sodass wir gleich nach dem Betreten der Abflughalle schon vor dem United-Schalter standen. Einchecken prima und ohne Probleme, nur 50 Dollar leichter, weil Gepäckstücke noch extra bezahlt werden müssen… fast wie bei Ryan Air. Unser Flug war leicht verspätet. Zeit genug also zum Bummeln, für Kaffee und um Julie anzurufen. Gesagt, getan. Leider wurden aus den 25 Minuten auf einmal 2,5 Stunden und dann sogar 3 Stunden. Wir können jetzt also mit Fug und Recht behaupten, dass wir den Flughafen La Guardia mit diesem einen Terminal gut kennen.


Aber gegen 18 Uhr Ortszeit ging es dann endlich los. Durch die Zeitverschiebung waren wir sogar schon um 19 Uhr Ortszeit da. Alles völlig in Ordnung. Wir konnten flott zum Gepäckband durch. Dort erschien – der Reihenfolge nach – mein Koffer, Julie und nach einigem Herumfragen und Suchen Roberts Koffer (der wohl schon in einem früheren Flug eingetroffen war). Aber das konnte das Wiedersehen mit Julie nach fast 4 Jahren nicht trüben. Und statt der Kölner Innenstadt trafen wir uns jetzt am Flughafen O’Hare in Chicago. Froh, dass wir all unsere Siebensachen gefunden hatten, stiegen wir in ihren schicken Nissan Infiniti und verließen O’Hare.

Zu Hause wurden wir von Tim und den beiden Dackeln Mojo und Ruby begrüßt. Die beiden Vierfüßer waren noch ein bisschen skeptisch, was sie von dem Besuch zweier wildfremder Männer finden sollten, aber mit kleinen Leckerli konnten wir ihre Gunst ein bisschen zu unseren Gunsten beeinflussen. Während Julie dann das Essen vorbereitete, zeigte Tim uns das Haus mit hier einem Wohnzimmer, dort einem Badezimmer und noch mehr praktischen und schönen Zimmern. Und all das in einem beeindruckenden Landhaus im Tudor-Stil. Wir bekamen ein riesiges Schlafzimmer, sogar mit begehbarem Kleiderschrank. Und im Keller standen noch ein Billardtisch und eine Dartsscheibe. In der riesigen Wohnküche mit Kochinsel gab’s dann kühlen Wein und köstliches Essen. Zum Nachtisch wurden wir dann noch mit einem heiteren Film bewirtet, den Tim von dem Besuch der beiden in Europa gemacht hatte. Und nach ein paar Jahren gab’s auch noch genug zu erzählen, sodass es auf einmal fast Mitternacht war. Wir waren alle schläfrig und wollten am nächsten Tag auch noch einen frühen Zug in die Innenstadt erwischen.

8.06 Uhr war die gewünschte Zeit für die Abfahrt des Zuges. Also mussten wir doch um kurz vor sieben aus den Betten. Und am Frühstückstisch schwatzten wir schon wieder so angeregt über all die Themen, bei denen Standpunkte wie bei der Euthanasie unterschiedlich sind. Da mussten wir auf einmal schnell in die Gänge kommen, Zähne putzen und ins Auto springen, um zum Bahnhof zu fahren. Wir waren gerade noch rechtzeitig am Bahnsteig, bevor sich die Schranken schlossen, denn in einem solchen Fall kann man dem Zug nur noch von der anderen Straßenseite aus zusehen. Aber wir waren nicht in Gefahr, fanden Plätze beieinander und hatten sogar noch ein Schwätzchen mit einem Fachanwalt für betrügerische Autohändler, die naiven Käufern Autos mit Totalschaden andrehen. Völlig undenkbar eigentlich bei uns in den Zügen, um mit irgendwelchen Wildfremden Gespräche im Zug zu führen. Aber nett, dass Menschen hier nicht solche Angst voreinander haben. Und auch noch hilfsbereit sind.

In der Stadt gingen wir erst einmal zu Julie ins Büro. Am Eingang mussten wir durch den Sicherheitscheck. Julie konnte meinen Namen für die Besucherkarte natürlich problemlos buchstabieren, aber bei Robert geriet sie dann doch ins Stottern, sodass sie einfach sagte: „Van den Dungen, just like Van Damme.“ Worauf ich hinzufügte: „But without the muscles.“ Auf der ausgedruckten Besucherkarte stand dann: Robert Muscles. Das passte dann ja gleich prima. Oben im 20. Stock lernten wir dann auch Julies Angestellte Priti kennen, die die Arbeit für den Tag erledigen musste, damit Julie mit uns in der Stadt herumschlendern konnte. Wir gingen zuerst noch zur Rookery, um uns den von F.L. Wright umgestalteten Innenhof zeigen zu lassen. Ganz zufällig traf Julie hier noch eine Bekannte, die uns mit nach oben in den 12. Stock nahm, um uns das berühmte Treppenhaus mit den geschwungenen Formen zu zeigen. Anschließend blieb noch Zeit für einen köstlichen Latte in der Stadt, bevor wir um 11 Uhr am Architectural Centre eintrafen, wo wir, ausgerüstet mit Kopfhörern, an unserer Tour durch das Chicago des Art Deco anfangen konnten. Dabei zeigte sich wieder einmal, dass so eine Minigruppe eine ganze Menge Vorteile bietet. Bei dem Rundgang entpuppte sich ein Schnellrestaurant von MacDonald’s dank den Fachkenntnissen unseres Stadtführers als Kleinod der Baukunst, auch wenn es durch den Zahn der Zeit und die hässlichen Leuchtreklamen der Fastfood-Kette ziemlich heruntergekommen wirkte. Überall trafen wir dann auf wunderbare Leuchter, reichlich verzierte Fassaden, stilvolle Fahrstühle und aufwändig gefertigte Briefkästen. Welche Schätze ließen sich hier überall finden. Unser Reiseführer war ständig besorgt, uns zu verlieren, weil Robert immer wieder abschweifte, um zu filmen, und ich aus dem Blickfeld verschwand, um noch ein weiteres Foto aus der richtigen Perspektive zu machen, sodass Julie ihn ständig beruhigen musste, indem sie uns ihm zeigte.

Nach gut zwei Stunden standen wir mitten in der Stadt und hatten einen Bärenhunger, den wir in einem gemütlichen Restaurant stillten, das Julie kannte. Wie praktisch, wenn die persönliche Stadtführerin so gut Bescheid weiß und die richtigen Adressen erreicht. Danach musste sie sich dann doch für ein paar Stunden ins Büro verabschieden, was uns die Zeit ließ, zuerst noch ein wenig nach schönen Dingen im Ladengeschäft des Architecture Centres zu suchen, bevor wir in den Millennium Park gingen, um dort die „Cloud“ von F. Gehry, die Videospringbrunnen und das Konzertpodium zu bewundern, bevor wir uns das von Calatrava geschaffene Museum ansahen. Bei dem trüben Wetter war die Wirkung nicht überall gleich hoch, aber mehr als ausreichend, um ein deutliches Bild zu Stadt, Gebäuden und Atmosphäre zu bekommen. Wir trafen uns dann wieder mit Julie, um gemeinsam mit der Bahn zurückzufahren, sodass wir den Abend auch ein wenig mit Tim würden verbringen können. Außerdem gab es leckere Fleisch-mit-Fleisch-Brötchen zum Abendessen, damit wir den Wein nicht zu nass herunterspülen mussten. Und auf einmal war es schon wieder Zeit, ins Bett zu gehen, denn am nächsten Tag sollte unser Zug doch auch schon wieder um 8.36 Uhr losfahren.

8.36 erwies sich wiederum als schwer zu erreichendes Ziel. Wir vertrödelten viel Zeit und kamen zu spät aus dem Haus, sodass wir sahen, wie die Schranken sich vor unserer Nase senkten, weil der Gegenzug kam. Dass sie nach dessen Durchfahrt nicht wieder geöffnet wurden, konnte uns nicht hindern, doch noch auf die andere Seite zu wechseln und einzusteigen. Alles war also in Ordnung und die Sonne belohnte uns tüchtig mit umfassendem Scheinen. In der Innenstadt was es zwar wieder kühler, aber dafür ideales Touristenwetter. Wir fingen mit Kaffee in einem Delikatessenmarkt im Untergeschoss des Bahnhofs an, gingen zu einem riesigen Warenhaus zum Küchen- und Badezimmer-Shopping, bevor wir dann zum Anleger für die Boote bummelten. Obwohl wir fast als letzte eintrafen, hatten wir unserer Ansicht nach doch die besten Plätze auf dem Schiff: am Heck auf komfortablen Kissen und mit viel Übersicht, und somit viel besser als auf den langweiligen Plastikstühlen, die in Reihen vor uns aufgestellt waren. Wir fuhren dann den Nord- und den Südarm des Chicago River hinauf, bevor wir wieder zurückkehrten und bis fast auf den See fuhren. Dabei genossen wir den herrlichen Sonnenschein (geschützt durch Julies Sonnencreme), die wunderbare Aussicht und die Schonung für unsere Füße, während unsere Reiseführerin zu fast jedem Gebäude etwas zu berichten wusste. Besonders eingeprägt hat sich hier ihr „Jippie“, als eine Brücke wie für uns geöffnet wurde. Auch sonst war sie vor allem heiter und charmant. Leicht empört war sie allerdings, dass der Centennial Brunnen hinter ihrem Rücken eingeschaltet wurden, nachdem wir vorbeigefahren waren. Haha.

Nach diesem gelungenen Vormittagsprogramm war es Zeit für ein üppiges Mittagessen, bevor Julie wiederum in ihr Büro musste. Vorher aber gingen wir noch schnell in den Trump Tower. Leider war die Bar unten geschlossen, sodass wir hochfuhren bis zum Restaurant in den 23. Stock. Der Dachgarten sollte erst am nächsten Tag eröffnet werden, aber die Aussicht war schon jetzt atembenehmend. Da konnten wir dann gleich einplanen, hier noch einmal herzukommen, um etwas zu trinken, sodass uns jetzt erst einmal Zeit blieb, noch kurz nach Büchern bei „Borders“ zu suchen, dann noch einmal für sonnige Millennium-Park-Fotos zu sorgen, bevor wir auf dem Rasen ein kurzes Nickerchen machten. Danach machten wir uns auf der Michigan Avenue auf zum stilvollen Shopping Richtung Hancock Tower. Aber außer bei Guess und bei Crate & Barrel wurde nichts gekauft. Saks war vor allem teuer, aber nicht unbedingt schön, und erst recht nicht stilvoll. Auch Kenneth Cole konnte uns nicht begeistern; außerdem hatte inzwischen Julie angerufen, dass sie mit der Arbeit fertig sei und wir uns treffen konnten. Also stiegen wir ins Taxi und fuhren zum Sears Tower, der jetzt allerdings Willis Tower heißt. Zur Sonnenuntergangsstimmung war es aber noch zu früh, sodass noch Zeit für einen Drink am Chicago River blieb, der uns wiederum in Plastikbechern serviert wurde. Was für eine Sünde, den guten Pinot so zu präsentieren.

Der Sears Tower war natürlich sehenswert. Keine nennenswerten Schlangen als wir hochfuhren und auch oben konnten wir uns relativ ungestört umsehen. Der Blick war in alle Richtungen überwältigend. Zum Westen hin hatte man Glaskästen am Gebäude angebracht, sodass man beim Betreten den Eindruck bekam, das einem der Boden unter den Füßen fehlte. Julie und Robert hielten sich den Kästen fern, weil die beiden doch unter Höhenangst litten, während ich mir wenigstens kurz einen Weg zwischen all den Schulkindern hindurchkämpfen wollte, um einen Blick 103 Stockwerke tief unter mir zu werfen. Und ganz schnell wurde es dunkel um uns herum; allmählich gingen die Lichter an den Hochhäusern an, und auch die Straßenzüge mit der Beleuchtung wurden immer deutlicher erkennbar. Je weiter der Abend fortschritt, desto müder wurden wir. So wurde aus dem Essen Gehen eine Pizza, die wir uns liefern lassen wollten. Und als wir dann im Zug waren, reichte uns eigentlich schon ein Sandwich zu Hause. Um halb elf erreichte der Zug Wheaton, wir erreichten anschließend unser Chicagoer Zuhause und fielen nahezu umgehend (nach Sandwich und Wein) in die Betten. Unsere Namen änderten sich dabei stets weiter: Robert erklärte seine Initialen und wie sich diese auf seinen Oberhemden der Marke G-Star zurückfinden lassen; so wurde aus Robert Muscles dann einfach Raw Musles, während ich mich über die amerikanische Aussprache meines Nachnamens amüsierte, sodass mein Name ungefähr wie Kay Sexy klang. Auch nicht schlecht. Adelheid, die in den Staaten Heidi genannt wird, wurde dadurch natürlich mit ihrem Mädchenname zu Heidi Sexy. Tims Nachnamen hatte ich irgendwo falsch aufgeschrieben, sodass er sich zwischen Tim Palmer und Mr. Parker entscheiden konnte.

Donnerstag konnten wir im Prinzip ein wenig ausschlafen, wollten aber doch gegen 9 Uhr los in Richtung Milwaukee. Naja, neun Uhr haben wir dann nicht ganz geschafft, saßen aber immerhin um halb zehn mit vielen Taschen und zwei Dackeln im Auto. Kurz nach elf erreichten wir dann den Cynthia Drive in New Berlin, wo Adelheid jetzt schon wieder seit 15 Jahren in einem schönen Bungalow mit perfekt gepflegtem Garten und Vogel Joshi wohnt. Zur Begrüßung gab’s Bier und Kaffee, und im Anschluss konnten wir erst einmal ein wenig in der Sonne sitzen und plauschen, um alte und neue Erinnerungen auszutauschen. Adelheid sieht nicht nur ihrer Schwester Gisela, sondern auch ihrem Bruder Gerhart sehr ähnlich. Wie sagte Robert so schön: „Wie Gerhart mit einer Perücke.“ Das sorgte dann wiederum für allgemeine Heiterkeit. Das Eis war zum Glück sowieso schnell gebrochen und von peinlichen Schweigepausen war überhaupt keine Rede.

Da Carmen, die im Prinzip auch schon hatte kommen wollen, noch bei der Arbeit war, fuhren wir schon einmal vor in die Stadt zum Lunch. Beim Water Buffalo bekamen wir einen netten Tisch am offenen Fenster, sodass wir nicht im Zug saßen, wohl aber das vorsommerliche Wetter genießen konnten. Kurz nachdem wir bestellt hatten, traf dann auch Carmen mit vielen Geschichten und Berichten ein über ihre Arbeit. Gut, dass ich durch Facebook wusste, wie sie aussieht, denn sonst hätte ich sie nicht wiedererkannt. Sie war schließlich vor über 30 Jahren zum letzten Mal bei uns gewesen. Da verändert man sich doch schon ziemlich. Das einheimische Bier schmeckte gut zum Essen. Dann ging’s aber weiter zum Kunstmuseum von Milwaukee, das von Calatrava am See gebaut worden war. Die beiden Flügel erhoben sich wie Segel über das weiße Bauwerk, das gleichzeitig so zierlich, aber dank dieser beweglichen Flügel gleichzeitig so mächtig wirkt. Genau der richtige Bau für diese Stelle am See. Natürlich mussten wir erst einmal tüchtig stöbern und gucken. Das geht mit einem Café Latte am Besten. Währenddessen wurde hier alles für eine Ausstellung über alte Quilts vorbereitet, aber leider war der Katalog fast vollständig auf Englisch, sodass ich für die Mutti stattdessen ein paar Ansichtskarten und andere Kleinigkeiten mit Quilts auswählte, während ich mir selbst ein handliches Miniportemonnaie gönnte.

Nach einem weiteren Fotoshooting im Freien fuhren wir am See entlang zum alten Haus der Apontes, wo sie bis Anfang der neunziger Jahre für gut 20 Jahre gewohnt hatten. Danach machten wir noch einen Abstecher in die Innenstadt, um uns beim Pfister Hotel den Ballsaal anzusehen, in dem Julie und Tim geheiratet hatten. Carmen und Robert erschreckten noch eine Dame in einer Suite, weil sie sich das anscheinend leere Zimmer ansahen. Carmen zeigte mir in ihrem WUM (das las ich auf einem Aufkleber an ihrem Auto – was natürlich nicht richtig war und WUWM hätte sein müssen – und taufte damit gleichzeitig ihren fahrbaren Untersatz) ihr Haus mit Veranda in Bay View, wo ich auch gleich die Bekanntschaft von Mika machte, ihrer 19jährigen Katze. Zu lange konnten wir aber nicht in ihrem persönlich eingerichteten Häuschen bleiben, weil die anderen schon vorgefahren waren und mit dem Abendessen anfangen wollten. Adelheid und Tim, der nach der Arbeit zu uns gestoßen war, grillten Steaks, die mit Folienkartoffeln, Salat und Bohnen serviert wurden. Das leckere Tafeln wurde dann mit Adelheids Streuselkuchen mit Himbeerfüllung und ihren Brownies abgerundet. Ein wunderbarer Abend, an dem wir auch noch viel gelacht haben, nicht nur, weil ich noch viele Fotos von meinem Netbook zeigte und Julie noch zwei Fotoalben der Familie Aponte geholt hatte. Es war schon nach Mitternacht, als Carmen sich verabschiedete und wir todmüde in die Betten fielen.

Nachts fing es dann zu regnen an, sodass unsere ursprünglichen Pläne für den Freitag ins Wasser fielen. Stattdessen fuhren wir nach dem Frühstück mit zwei Wagen und je zwei Personen – Julie und Robert im Einkaufswagen zum Einen und Adelheid und ich mit der Tierhandlung (Mojo, Ruby und Joshi) – nach Chicago. So blieb uns dann genug Zeit für Lunch und Atempause, bevor wir am Nachmittag dann in ein Outlet Shopping Centre mit riesiger USA-Flagge fuhren, um zu sehen, ob es in den Outlet-Geschäften noch schicke Schnäppchen für uns geben würde. Und mit dem Coupon-Heftchen von Julie bekamen wir manchmal sogar noch Rabatte zusätzlich zu den Rabatten. Was für eine Traumwelt des Kaufrauschs. Zum Schluss fuhren wir dann noch zum Outlet-Shop von Crate and Barrel in der Nähe, wo wir immerhin noch kleine Schälchen fanden. Ob das alles noch mit unserem Gepäck mitkommen würde, würden wir dann Sonntagnachmittag sehen. Immerhin hatten wir auch noch zwei Paar Schuhe gekauft: Robert ein paar schwarze halbhohe Stiefel und ich habe mich doch für die knalligen türkisfarbenen Converse entschieden, weil mir die in Karo oder Orange nicht ganz so gefielen. Und so wurden unsere Kreditkarten peu a peu immer weiter geplündert. Aber darauf hatten wir uns ja schon seufzend vor Beginn des Urlaubs eingestellt. Selbst der Besuch bei Crate und Barrel, bei dem das Angebot bei Weitem nicht so vielfältig und schön wie in der City war, führte noch zu einigen gewichtsträchtigen Ankäufen.

Im Anschluss mussten wir sogar noch unsere Tischreservierung verschieben, aber wir trafen dann doch relativ zeitig in einem alles andere als vollbesetzten Restaurant ein. Anscheinend führte ein Eishockeyspiel dazu, dass die Leute zu Hause Chips aßen statt in der Stadt zu schlemmen. Aber wir kamen mit Wein, Seebarsch, Lachs, Hummer und anderen Köstlichkeiten zu fünft auf unsere Kosten. Adelheid, Julie, Tim, Robert und ich schwatzten und parlierten, dass es eine wahre Wonne war.

Für den Samstag hatten wir uns dann noch so einiges vorgenommen, weil der Freitag ja ausflugstechnisch ziemlich ins Wasser gefallen war. Zu Beginn quälten wir uns über Nebenstraßen Richtung Oak Park. Die Autobahn war völlig ausgeschlossen, weil hier auch am Samstag alles zu war wegen Baustellen. So sahen wir dann aber noch die typischen amerikanischen Straßenzüge mit Ladengeschäften, Supermärkten und heruntergekommenen Wohnvierteln der schwarzen Einwohner. Als sich das Straßenbild auf einmal wieder änderte und Tim abbog, wussten wir, dass wir Oak Park erreicht hatten. Hier hatte F.L. Wright Anfang des 20. Jahrhunderts viele Häuser geschaffen und selbst sein eigenes Wohnhaus mit Studio gebaut. Dort fing unsere Exkursion an. Mit elektronischem Reiseführer fingen wir mit unserem Bummel im Wohnviertel an, der uns an knapp 20 Häusern und einer Kirche entlang führen sollte. Manche Häuser waren dabei eher unscheinbar, während andere in wunderbar gepflegten Gärten gelegen waren und als üppiges Anwesen äußerst eindrucksvoll waren. Jeder von uns hatte andere Lieblinge und manche Gebäude konnten keinen von uns überzeugen. Aber wir genossen den Spaziergang, bei dem die Sonne allmählich durchbrach. Tim und Julie machten dann auch noch einen Abstecher zu Starbucks und versorgten uns so mit einem Aufpepper. Julie wusste sogar schon, welchen Kaffee sie für uns bestellen musste: Doppelten Espresso für Robert und Grande Latte für meine Wenigkeit. Wir ließen uns recht viel Zeit mit diesem Rundgang, sodass wir gerade noch pünktlich zur nächsten Führung durch das Wright-Haus mit Studio kamen. Ein etwas haspelnder und nervös plappernder Freiwilliger mit unschönem Pflaster auf der Nase und nagelneuen Lee-Jeans erzählte und so manches Wissenswerte über Haus und Einrichtung, nervte allerdings auch leicht mit dümmlichen persönlichen Ansichten und einigen störenden Fehlern bei seiner Präsentation. Aber das konnte uns nicht stören. Die durchdachten Wohnkonzepte und die zweckmäßige Nutzung jedes einzelnen Raums, der dadurch einen eigenen Charakter bekam, waren überwältigend. Wir alle würden unser Büro wohl gerne hierher verlegen wollen. Und die schlichte Bibliothek bot genau das, was sich jeder Leser wünscht: ungestörtes Lesevergnügen mit einer kontemplativen Atmosphäre.

Nach dem Bildungsprogramm war es höchste Zeit für den spektakulären Teil des Tages. Wir fuhren jetzt rein in die Zitty (wieder über Nebenstraßen) und Tim fand einen Parkplatz direkt hinter dem Trump Tower für uns, denn dorthin führte uns der Weg. Da wir ja am Mittwoch die Dachterrasse nur in ungeöffnetem Zustand sehen konnten, wollten wir das Erlebnis des Konsumierens in luftiger Höhe jetzt live zusammen mit Heidi nachholen. Der Ausblick war wirklich atembenehmend, denn ein paar Restwolken hingen noch zwischen den Hochhäusern und über dem See, aber gleichzeitig waren die Häuser schon in strahlendes Sonnenlicht getaucht, wovon wir hier in der 16. Etage nur träumen konnten. Wir saßen nämlich im Schatten und es wehte auch ein früsches Windchen, wie meine liebe Kusine Sandra sagen würde. Aber wir wollten uns nicht als Weicheier blamieren und bestellten tapfer Cocktails. Die ließen ziemlich auf sich warten und stellten unsere Beharrlichkeit bei der Kälte gehörig auf die Probe. Aber es gab einen lohnenden Trost: aufgrund des langen Wartens ging die erste Runde aufs Haus. Danke schön, Herr Trump. Mit einem saftigen Mojito intus schnatterten wir körpertemperturmäßig gleich viel weniger, schnatterten dafür aber extra mit unseren Mundwerken. Außerdem hatte Robert für die Damen noch zwei Umschlagtücher ergattert, sodass man die Gänsehaut nicht mehr sah. Und wenn die erste Runde gratis ist, freut man sich doch gleich auf die zweite. Die Stimmung wurde dabei immer ausgelassener und wir übten uns alle in der enthusiastischsten Aussprache von Mooojitooooohhh!, sehr zum Leidwesen der anderen Gäste. Aber unsere Kiefer taten vom Lachen schon einmal weh. Die Fotos und Roberts Film sind wohl bleibende Zeugen dieser Heiterkeit.

Danach ging’s dann wieder zurück, leider wiederum im Schneckentempo, weil die Autobahn wieder verstaut war und es über die kleineren Straßen nicht unbedingt flott voranging. So mussten Jim und Hanna mit Sara und Walter ein bisschen auf uns warten, bis wir nach einer zusätzlichen Pinkelpause endlich daheim waren. Dann gab es aber erst einmal ein großes Hallo, als wir uns begrüßten. Obwohl ich Hanna als Kind schon einmal gesehen hatte, bekam ich doch das Gefühl eines neuen Kennenlernens, bei dem ich mich gleich vertraut fühlte. Über die von ihr gemachten Fotos von der Alaskareise mit Vati kamen wir gleich ins Gespräch und stellten immer wieder die Ähnlichkeit zwischen den Geschwistern Gerhart und Heidi fest. Dass Adelheid mich dann auch noch immer wieder als „kleiner Gerhart“ bezeichnete, kann ja nur zu dem Schluss führen, dass ich auch meiner Tante Heidi sehr ähnlich sehe. Naja, vielleicht wenn wir uns den Altersunterschied wegdenken.

Julie hatte sich inzwischen mit umfassender Hilfe an die Arbeit gemacht und eine herrliche Guacamole gezaubert, die uns bis zum Abendessen vorfüttern sollte. Tim heizte uns zusätzlich mit frisch zubereiteten Margheritas ein. Bei dem warmen Wetter konnten wir auch zum Essen draußen bleiben. Dies war der erste Abend im Jahr, an dem die Apontes ihre Terrasse nutzen konnten. Jippie. In großer Runde mit neuen Personen und drei Hunden (Hanna und Jim hatten ihren Schnauzer Max mitgebracht) ließ sich der Abend gut an. Die Zeit verging wie im Nu, und als es leicht kühl wurde, hatte Jim noch eine Diashow vorbereitet, die er uns nicht vorenthalten wollte im Wohnzimmer: „I’m too Sachse (sexy)“ in leichter Anlehnung an die Aussprache meines Nachnamens auf Amerikanisch (Säcksy) wurde zum vollen (Lach-)Erfolg. So fand ein wunderbarer Tag auch noch sein wunderbares Ende.

Sonntag begrüßte uns mit erstaunlich hohen Temperaturen, sodass es schon fast zu heiß zum Frühstücken in der Morgensonne war. Aber Julie hatte in der Küche einen Riesenstapel Waffeln für uns gebacken, zu denen ich die riesigen Erdbeeren von Megastore Costco in essbare Teilchen zerkleinert hatte. Inzwischen hatte Robert unsere Koffer gepackt und gewogen. Wir schienen trotz all unserer Ankäufe noch relativ gut zu liegen bei dem Gewicht… wie pinselig man beim Einchecken sein würde, sollten wir dann später heraufinden.

Erst einmal fuhren wir alle gemeinsam noch zu einem Bummel nach Napperville mit dem berühmten DuPage River (geprochen: Djuupeeeetsch Riwwer und nicht DüPaaajj River). In dem intelligenten Marble-Geschäft ließen wir uns von überragenden Gedächtnis- und Intelligenzspielen beeindrucken, bevor wir uns noch einmal das riesige Sortiment bei Barnes & Nobles ansahen. Danach war es dann Zeit, uns von Adelheid, Hanna, Jim, Sara und Walter zu verabschieden, denn Julie musste uns dann doch zum Flughafen bringen. Trotz leichten Übergewichts (der Koffer) konnten wir das Gepäck problemlos aufgeben und dann noch den unvermeidlichen letzten Kaffee mit Julie trinken, bevor wir uns durch die Sicherheitskontrolle kämpften, noch einmal Blasengewicht verminderten und dann in unseren Flieger nach Düsseldorf einstiegen. Auf jeden Fall: auf Wiedersehen, USA!

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Über kaynerlei

Übersetzer, Dolmetscher und Deutscher mit Wahlheimat in den Niederlanden, liebem Ehemann, zwei Hunden und Faible für Oper und schöne Stimmen
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