Schwule und Lesben müssen leider draußen bleiben


Wer noch immer denkt, dass die o so liberalen Niederländer auch anno 2010 noch immer das Paradies für gesellschaftliche Paradiesvögel sind, der sieht sich leider betrogen. Während im Parlament der blondierte Geert Wilders immer mehr Blicke auf sich zieht, zieht die katholische Kirche wieder die Zügel an. Der sichtbare Anlass für dieses Aufzeigen der Kurskorrektur, die sich bis dahin eher im Verborgenen abgespielt hatte, ist eigentlich eher ein komischer: Ein Prinz Karneval in einem Dorf auf dem Lande wollte der Tradition folgen und an einem Faschingsgottesdienst in der Kirche teilnehmen; da wurde ihm aber schon vorab vom sittenstrengen Pastor mitgeteilt, dass er es vergessen könne, eine Hostie zu bekommen. Schließlich lebt Gijs d’n Urste, wie der junge Mann karnevalesk heißt, seit einiger Zeit mit seinem Freund zusammen im Ort. Dass schien die Dorfgemeinschaft und den Karnevalsverein nicht weiter zu stören, wohl aber den aufs Gotteswohl gesonnene Pastor. Sitzen bleiben im Gottesdienst, hieß also die Devise.

Bedauerlich für den Pastor war allerdings, dass diese Ausgrenzung sofort den Sprung in die Regionalzeitung schaffte, und damit eine Welle der Entrüstung lostrat. Wären es dabei nur ein paar Schwule gewesen, hätte sich die Kirche darum wahrscheinlich einen Teufel geschert (ups, wie zufällig), aber da jetzt auf einmal auch sündige Heterosexuelle auf den Plan traten, schlug das Ganze gleich viel mehr Wellen. Dass der von seiner Mission erfüllte Dorfpfarrer in der darauffolgenden Woche dann seinen Standpunkt nochmals erläuterte und Homosexualität als „schwere Sünde“ bezeichnete, um im Anschluss aus Angst vor möglichen „Demonstrationen“ keinem der Anwesenden eine Hostie zu geben, trug auch nicht gerade zur Deeskalation bei. Die anwesenden Schwulen und Lesben einschließlich des Verfassers verließen entrüstet die Kirche. Inzwischen standen vor der Kirchentür nicht nur die regionalen Medien, sondern auch die landesweiten Nachrichtensender. Aus einem regionalen Zwist war auf einmal eine theologische Glaubensfrage geworden. Und so wurde Henk Krol von der Schwulen- und LesbenzeitschriftGay Krant“ zu einem Gespräch mit dem Bischof eingeladen. Es gelang ihm zu bewirken, dass auch Vera Bergkamp von der nationalen Organisation COC hinzukommen durfte. Allerdings änderte das nichts an der Tatsache, dass die Botschaft des Vertreters Gottes in der niederländischen Provinz Nordbrabant eine knallharte war: Menschen, die in Sünde leben wie die praktizierende Homosexuellen (nein, ich weiß wirklich nicht, wo das Praktizieren anfängt…. Das können wir vielleicht die katholischen Seelsorger fragen, die ihr zölibatäres Leben so sittenstreng leben), haben keinen Anspruch auf das allerheiligste der Sakramente: die Kommunion. Sie dürfen aber wohl am Kirchenleben teilhaben, sei es aber auch nur auf der letzten Bank oder bei einem ständigen Besuch des Beichtstuhles, in dem sie sich von ihren Sünden ablassen können. Gläubige zweiter Klasse könnte man das auch nennen.

Gut also, dass die Schwulenbewegung es nicht dabei bewenden lassen wollte, und einen groß angelegten Kirchenbesuch ankündigte. Inzwischen hatte auch die Vorsitzende der niederländischen Sozialdemokraten zum Kirchgang aufgefordert. Sonntag standen vor Tag und Tau unzählige Menschen vor der Kathedrale in ’s-Hertogenbosch, die – hetero und homo – mit rosa Winkeln und anderen Attributen erkennbar ins Haus Gottes einzogen. Der Bischofspastor van Rossem machte schon zu Beginn der Messe deutlich, dass auch heute keine Kommunion stattfinden würde. In scharfen Worten echauffierte er sich über Aktionen und Demonstrationen, die dem Hause Gottes unwürdig seien, und demonstrierte dabei die Machtfülle hässlicher Worte. Als er dann in seiner Predigt davon sprach, dass es die katholische Kirche sei, die den Gläubigen das „richtige Empfinden der Sexualität“ lehren müsse, reichte es vielen Anwesenden. Zum Teil singend und Buh-rufend verließen sie die heilige Halle, in der es so bitterkalt geworden war. Und so gelangte auch meine Wenigkeit samt Robert und Kusine Susanne in die 20-Uhr-Nachrichten, als wir schweigend – aber fest entschlossen, es nicht so auf sich beruhen zu lassen – die Kirche verließen. Statt zu versöhnen, war es der Kirche lieber, zu konfrontieren und auszuschließen.

Aber die Stimmung in Stadt und Land waren gar nicht mehr pro-katholisch. Die Ausgrenzung der Homosexuellen wurde als überholt und diskriminierend verurteilt, wenn man auch mit rosa Perücken in der Kirche nicht einverstanden war. (Die Medien hatten natürlich nur die auffälligsten Erscheinungen abgelichtet und gefilmt, nicht aber den Otto-Normalschwulen, der seine Aufwartung gemacht hatte.) Außerdem geriet die katholische Kirche in den Niederlanden jetzt auf einmal auch in die Schusslinie der Missbrauchsskandale durch katholische Geistliche. Diese Scheinheiligen hatten sich nämlich auch hier wohl an Kindern vergriffen. Also musste jetzt versucht werden, Schadensbegrenzung zu betreiben und wenigstens einen Brand einzudämmen. In einem neuerlichen Gespräch mit COC und Gay Krant wurde daher zugesagt, dass Homosexuelle nicht mehr übergangen werden würden im Gottesdienst, sondern die Kommunion erhalten würden, wenn sie dies selbst mit ihrem Gewissen vereinbaren können würden. Also kein Verweigern mehr bei offen schwul lebenden Karnevalsprinzen… Aber schon jetzt schreien erzkonservative Pastoren Zeter und Mordio, weil die klassischen katholischen Werte über Bord geworfen zu werden scheinen. Innerhalb der katholischen Kirche werden also noch weitere Auseinandersetzungen zu führen sein.

Ein Sieg? Eine Niederlage? Wohl weder das Eine noch das Andere. Vielmehr sind diese Ereignisse ein Anzeichen dafür, dass Menschen, die der katholischen Sitten- und Morallehre nicht entsprechen, in der katholischen Kirche nicht mehr als zweitrangig behandelt werden. Sie dürfen zwar mitmachen, werden aber ständig als Sünder betrachtet, die der Sorge und Hilfe von Pastoren und anderen Geistlichen bedürfen. Wer sich als Homosexueller damit begnügen kann, der kann auch weiterhin den katholischen Gottesdienst besuchen und aktiv teilnehmen an der katholischen Kirche. Für viele dürfte und sollte dies aber eher das Signal sein, dass sie in dieser Kirche nicht für voll genommen und angesehen werden, und sie sich doch wohl besser auf die Suche nach einer Kirche machen können, bei denen die bunte Vielfalt des menschlichen Zusammenlebens willkommen ist und begrüßt wird. In der katholischen Kirche des heutigen Papstes sind sie dies trotz aller kleinen Gesten von Einzelpersonen nach wie vor nicht. Dabei dürften die Ereignisse der letzten Wochen wiederum einigen Menschen die Augen geöffnet haben. Das haben wir nicht gewusst, kann jetzt keiner mehr rufen. Persönliche Konsequenzen muss jedoch jeder für sich ziehen.

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Über kaynerlei

Übersetzer, Dolmetscher und Deutscher mit Wahlheimat in den Niederlanden, liebem Ehemann, zwei Hunden und Faible für Oper und schöne Stimmen
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