Italienreise erster Teil: Rom

Als Selbstständiger muss man erst einmal den Schreibtisch abarbeiten, dann noch akzeptieren, dass ein Kunde einen doch noch um einen Gefallen bittet, sodass der Urlaub immer erst in letzter Minute anfängt. Da ist es also Essig mit dem Abmelden am Freitag zum Feierabend. Hinzu kam natürlich noch, dass wir unseren Besuch in Aurich doch auf dieses Wochenende legen mussten, weil es sonst nicht mehr geklappt hätte, mit Tante Nel aus Australien ins Ostfriesische zu brausen. Also statt Reiseführer zu wälzen, verbrachten wir das Wochenende mit Sekt, Wein und leckerem Essen in Aurich. Aber mit einer guten Planung waren dann die leidigen Aufgaben schnell am Sonntagabend erledigt. Die Koffer waren nahezu gepackt, die Papiere lagen bereit, alle Karten waren gedruckt, die Einstiegskarten für Montag geregelt und die Vielzahl der Kabel für sämtliche unserer Elektrogeräte sorgten für Kabelsalat in allerlei Taschen und Koffern.

Montagmorgen können wir dann sogar ausschlafen, naja, wenn halb acht als ausschlafen zählt. Queenie und Djoser werden dann erst im Laufe des Vormittags merken, dass hier etwas nicht stimmt, aber erst einmal rennen die beiden um die Wette, um Kaninchen in Höhlen und Fasanen in Bäumen verschwinden zu lassen; zwischen ihren Beißern wäre den beiden wohl lieber gewesen. Nach einem Dauerlauf von einer knappen Dreiviertelstunde setzen wir uns dann zu einem Frühstück nieder, bei dem alle Reste aus dem Kühlschrank um uns herumstehen. Dann werden all die kleinen Dinge erledigt, die einem in der letzten Nacht noch eingefallen sind, wie die genaue Lage des Hotels in Venedig, die Adresse des schwulen Buchladens in München und die E-Mail zu Nielsens Geburtstag.

Kurz nach zehn trifft das Hundetaxi ein: Tante Poppins alias Leo trifft ein, um sich mit Hunden, vielen Hundekuchen und Hundepässen nebst Spielzeug heimwärts zu bewegen. Aber erst einmal wird ihm ein, sogar zwei Cappuccinos kredenzt. Bei einem herrlichen frühherbstlichen Morgen sitzen wir draußen auf der Terrasse. Dann können die Hundetaschen verpackt und die Hunde im Kofferraum verstaut werden. Mit leicht verdattertem Blick verschwinden die Hunde, während die Tante schon allerlei Spaziergänge für die Hunde einplant.

Nach einem herzhaften Mittagbrot mit den verbliebenen Leckereien aus dem Kühlschrank wuchten wir auch unsere Koffer ins Auto, verschließen unsere Schultertaschen und werfen unser Navisystem an, damit es uns nach Düsseldorf bringt. TomTom leistet auch tadellose Arbeit, während wir uns zwischen all den LKWs auf der Autobahn hindurchschlängeln, was man von der Verkehrsführung am Flughafen nicht unbedingt sagen kann, denn den Weg zu Parkhaus 7 müssen wir eher erraten als auf den Schildern ersehen. Wenn es Parkhäuser mit Nummern bis weit in die 20 gibt, reicht ein lumpiges P auf den Schildern halt nicht aus. Aber zum Glück sind uns die Verkehrsgötter wohlgesonnen und wir brausten gleich ins richtige Parkhaus, das rollkofferfahrmäßig auch noch einen akzeptablen Abstand zum Abflugterminal entfernt liegt. Im Flughafengebäude ist es auch nicht grauenvoll voll, sondern sogar ziemlich ruhig. Wir rattern also mit unserem Gepäck zur Gepäckabgabe, sehen unsere Koffer auf irgendwelchen Fließbändern Richtung Flughafenorkus verschwinden, und machen uns dann selbst ans typische Flughafenshopping, das uns zu Zeitschriften, Parfum, Jeans, Mützen und vor allem Kaffee führt. Einfach herrlich, wenn der Urlaub mit einem Plus an Zeit anfängt, und man nicht ständig hinter sich selbst und der Zeit hinterher rennen muss, weil man alles gerade nicht zu schaffen meint. So lassen sich die freien Tage ruhig an und dadurch bleibt der Stress dann zu Hause. Chaos und Stress kommen ja wahrscheinlich nach dem Aussteigen am Flughafen Roms noch früh genug, wenn man den Geschichten über die italienische Gründlichkeit (bzw. deren Fehlen) glauben darf.

Mit der Gemütlichkeit und der Ruhe ist dann Schluss, wenn die Boardingzeit anfängt und man sich am Gate einfindet, dort aber nichts passiert, und nur weitere Menschen sich um einen selbst herum scharen, sodass alle gemeinsam warten und auf die Uhren schauen. Endlich kurz vor fünf dürfen sich dann die Fluggäste der Reihen 14 bis 29 zum Boarding anstellen. Wenn man der nun entstandenen Schlange Glauben schenken darf, würden später die vorderen Reihen bis auf ein paar versprengte Touris frei bleiben. Das bietet ja Hoffnung. Aber das sollte sich natürlich als Trugschluss erweisen, als wir endlich auf unseren Plätzen sitzen. Das kann uns aber nicht stören, denn wir haben einen guten Platz und dazu einen Henkell Trocken. Da kann’s ja losgehen.

Fast pünktlich dann auch der Touchdown in Rom. Und jetzt geht’s los: erst warten aufs Aussteigen, dann warten im Bustransferbus, dann warten bei der Gepäckausgabe und dann warten auf den Zug in die Stadtmitte. Bis wir dann also endlich im fahrenden Zug sitzen, sind schon wieder anderthalb Stunden vergangen. Der Zug lässt sich dann mit dem Fahren auch Zeit, macht also seinem Namen Leonardo da Vinci Express alles andere als Ehre. Mit uns im Abteil sind zwei Italiener, die man daran erkennt, dass sie ständig ihre Handys strapazieren; einer von ihnen hat sogar zwei am Wickel. Lustig ist dabei, dass das Handy hier nicht fehlen darf, aber dass man anscheinend genervt reagiert, wenn man dann doch angerufen wird. Kurz nach neun rumpelt der Express am Bahnhof Termini ein. Draußen stehen gleich Taxis, aber bei den horrenden Preisen würde ich am liebsten weglaufen, aber was tut man nicht alles in einer fremden Stadt, wo Beschiss beim Taxifahren doch zum guten Ton gehört. So sehe ich hier auf jeden Fall mein erstes römisches Bauwerk. Das abendlich beleuchtete Kolosseum mit Konstatinsbogen daneben macht sich im Abendlicht besonders gut. Wenn man bezahlt, geht auch alles wie am Schnürchen, wir landen direkt beim Hotel, können in unser etwas kleines, aber ausreichend ausgestattetes Zimmer und packen schnell die Koffer aus. Aufbrezeln lassen wir dann sein, und ziehen gleich wieder los zu Vino und Kultur. Gut, dass Robert dabei ist, denn ich wäre gleich in die falsche Richtung gelaufen, weil sich der Stadtplan irgendwie auf dem Kopf eingeprägt hat. Aber nachdem mir der Robert alles erklärt hat, bummeln wir zum Pantheon und sind begeistert. Am Abend und ohne lauten Touristenstress wirkt das stolze Gebäude aus Backstein noch imposanter. Schlicht in seiner Größe scheint es nicht durch barocke Schnörkel imponieren zu müssen. Alter, Würde und Kraft sprechen einfach für sich. Um nicht ganz den Touristenfallen anheim zu fallen, bummeln wir noch zwei Straßen weiter, wo wir uns zu Pizza und Tafelwein setzen und uns bedienen lassen. Wir sind in Rom angekommen.

Als frisch eingetroffene Besucher reicht natürlich eine kleine Stippvisite mit Kulturschnupperei noch nicht aus; darum führt Robert uns noch zur Piazza Nuvona, die sich uns ebenfalls ruhig und wunderschön beleuchtet präsentiert. Diese südländische Ausstrahlung großer Plätze ist etwas, was im Norden Europas anscheinend nicht geschaffen werden kann, während es hier wie selbstverständlich wirkt. Ein Blick in die offenen Fenster der Palazzi, die die Piazza umgeben, zeigt wundervoll ausgemalte Innenräume und kunstvoll ausgeführte Kassettendecken. Was für ein Eindruck. Dem tut auch die Schniefnase keinen Abbruch, mit der ich mich schon den ganzen Tag herumplage. Wer solche Schönheiten genießen darf, beschwert sich nicht über Schnüffelnasen und Atemnot. Trotzdem bin ich froh, als wir gegen Mitternacht dann in den Betten liegen.

Der Dienstag präsentiert sich erst einmal leicht bewölkt, aber die Wolken sollen noch aufreißen im Laufe des Vormittags, bis sich am Nachmittag wieder eine leichte Bewölkung gebildet hat. Es ist angenehm warm, allerdings ein bisschen drückend. Das kann allerdings auch an meiner tropfenden Nase liegen, der ich morgens erst einmal mit zwei Antigrippines einheize, bevor wir uns zum Frühstücken in der veredelten Eisdiele aufmachen. Hier wird ein Cappuccino serviert, bei dem man sich sofort den Löffel greift, um auch noch den letzten Tropfen Milchschaum vom Tassenboden zu kratzen. Was für eine Köstlichkeit! Gestärkt mit Cornetto und Cappuccino geht’s dann wieder auf gen Pantheon. Aber auf dem Weg war ja auch noch die Sant‘ Andrea della Valle. Hier findet sich die zweitgrößte Kirchenkuppel Roms, wie uns unser Reiseführer zu berichten weiß, aber viel wichtiger ist, dass hier auch der 1. Akt von Tosca spielt. Also muss Robert mir sofort in die Kirche folgen. Und dann geht’s noch immer nicht zum Pantheon. Erst einmal tragen uns die Füße nämlich zum Piazza Navona bei Tageslicht. Die Sonne zeigt sich inzwischen und die Touristen noch kaum, sodass wir alle drei Brunnen auf dem Platz ausgiebigst bewundern, fotografieren und filmen können. Da schlägt das Herz des Touristen doch gleich viel höher. Hinter dem Piazza Navona liegt die Kirche San Luigi die Francesi, die zurzeit zwar eingerüstet ist, aber trotzdem lockt. Was interessiert uns schon die Fassade, wenn innen drei Gemälde von Caravaggio hängen. Die Auserwählung des Matthäus, dessen Geißelung und zwischendurch noch seine Arbeit an seinem Evangelium locken nicht nur uns, sondern auch viele andere Touristen in diese Kirche. Beeindruckend, so ein Gemälde einmal nicht in einem Museum, sondern in seiner ursprünglichen Umgebung zu bewundern. Mit zwei Postkarten (bei der dritten hapert dann der wohl typisch italienische Apparat und schluckte unsere Münze, ohne uns eine Karte zu geben) verlassen wir die Kirche und gehen dann endlich zum Pantheon. Hier ist es noch gar nicht voll und wir umrunden das Gebäude erst einmal andächtig, tasten uns sozusagen an dessen Schönheit heran, bevor wir dann eintreten in diesen fast 2000 Jahre alten Kuppelbau. Eindrucksvolle Schönheit auch hier, wenn man nach oben blickt und den Lichteinfall der Sonnenstrahlen auf die Kassetten bewundert. Geschmacklos sind hier nur die katholischen Verzierungen, die – wie immer – viel zu viel des Guten sind und genauso wenig hierher passen wie ein Kronleuchter in eine Damentoilette. Aber darüber lässt sich leicht hinwegsehen, zum Glück. Wieder draußen im Sonnenschein zieht es uns zu einem weiteren Cappuccino, dieses Mal bei Tazza d’Oro gleich ums Eck. Kaffee vom Feinsten, wenn auch im Stehen, den wir auch bekommen, nachdem wir begriffen haben, dass man sich auch hier erst bei der Kasse seinen Beleg zu holen hat.

Die nächste Sehenswürdigkeit ist schon ausgeschildert, und so bummeln wir weiter Richtung Trevi-Brunnen. Unterwegs halten wir aber noch am Piazza di Sant’Ignazio, der durch seine schöne Gestaltung beeindruckt. Na, und dann können wir doch auch noch in die Kirche Sant’Ignazio di Loyola schauen, bei der vor allem die Deckengemälde einen Besuch wert sind. Bis wir dann den Trevi-Brunnen erreicht haben, treffen wir auf eine ganze Menge anderer Touristen, deren Geschnatter aber von dem Plätschern, Sprudeln und Brausen des Wassers übertönt wird, das hier aus allerlei Mündern, Mäulern, Speiern und Öffnungen hervorsprudelt. Nach ausgiebigem Bewundern haben wir aber die Schnauze voll von Kameras, Japanern und Reiseführerfahnen, sodass wir uns eiligen Schrittes von dannen machen, um ein paar Straßen weiter irgendwo einzukehren zu einem Insalata Caprese.

Nach diesem leichten Mittagessen zieht sich Robert schon einmal zur Siesta ins Hotel zurück. Das ist klug von ihm, denn die Kirchen Santa Maria del Popolo und die Basilika Sant’Agostino sind jetzt geschlossen. Stattdessen mache ich einen Kurzbesuch bei der San Lorenzo in Lucia, bewundere die Aussicht auf den Petersdom von den Pinicio-Gärten und halte danach noch beim Ara Pacis, wo ich mir den Friedensaltar des Augustus ganz in Ruhe ansehe, und gleichzeitig bei der Klimaanlage ein wenig Abkühlung suche. Und dann bin ich schon wieder zurück beim Pantheon. Anscheinend habe ich mich schon ein wenig an die Geographie der Stadt gewöhnt, die ich nur auf dem Straßenplan nicht zu verstehen scheine. Hier ist die Santa Maria sopra Minerva wohl geöffnet, sodass ich mir ein weiteres Beispiel katholischer Ausgestaltungswut ansehen kann. Hier sogar mit einem Jesusbild von Michelangelo, das nicht nur mir nicht so besonders gefällt, sondern auch dem Meister selbst überhaupt nicht gefallen haben soll. Er wollte es anscheinend sogar ganz neu schaffen, was aber letztendlich nicht der Fall war. Und als besonderes Extra hat dieses Werk auch noch einen schamhaften Lendenschurz bekommen, weil ein nackter Jesus dann wohl doch zu viel des Guten war. So, und nach so viel Kunst und Kultur ist es jetzt Zeit für Siesta und Dusche.

Nach ein solchen Ruhepause drängt es uns als kulturbeflissene Rombesucher natürlich wieder weiter in Richtung neuer Sehenswürdigkeiten. Vorsichtig umrunden wir daher das Denkmal für Victor Emmanuel, dieses steingewordene Symbol pathetischen Größenwahns, und ersteigen die von Michelangelo entworfene Cordonata, die von zwei Dioskuren mit Wasserköpfen flankiert wird, und gelangen so zum Piazza del Campidoglio, der ebenfalls von Michelangelo entworfen wurde. Hier befinden sich die Kapitolinischen Museen, die wir allerdings geflissentlich übersehen, während das Reiterstandbild Mark Aurels uns wohl ein paar Fotos wert ist. Gleich hinter dem Platz fängt das Forum Romanum an, das sich bis zum Kolosseum erstreckt. Also bummeln wir an den acht noch stehenden Säulen vom Tempel des Saturns weiter, bewundern den Bogen des Septimius Severus, unter dessen Bogen vor ein paar hundert Jahren noch ein Barbier sein Zuhause hatten und schlendern dann weiter. Allerdings bleiben wir dabei nicht mehr ganz trocken, denn es hat nicht nur gedonnert, sondern jetzt setzt auch noch ein leichter Regen ein. Wir stellen uns hin und wieder unter, bevor wir dann wieder weiterlaufen, bis wir vor dem Kolosseum stehen, an dessen Seite der wunderbare Konstantinsbogen liegt. Der wird erst einmal umrundet, bevor wir uns entschließen, das Kolosseum zu besichtigen. So können wir schließlich vorübergehend dem noch immer fallenden Regen entgehen. Große Bögen, viele raue Steinflächen, liebevoll zusammengestellte Schaustücke und eindrucksvolle Ausblicke auf die umliegenden Gebiete von den Bogenöffnungen sind die Belohnung für unseren unermüdlichen Bummel durch die verschiedenen Stockwerke und Teile dieser gigantischen Ruine, bei der man meinen könnte, dass hier zu Schauzwecken ein Querschnitt durch ein römisches Bauwerk gemacht worden wäre, bei der man überall einfach – wie bei einem Ei – den Deckel abgeschlagen hat. Ruhiges Dahinzockeln wird während des Besuchs abgewechselt mit flotten Sprints zu schützenden Nischen, damit uns der Regen nicht ganz bis auf die Haut dringen würde.

Nach dem Verlassen erweist sich eine Abkürzung Richtung Hotel als Sackgasse, aber dafür finden wir ums Eck ein Restaurant mit Plätzen im Freien, die zum Glück sicher überdacht sind, sodass wir draußen und doch trocken speisen können. Eine Flasche guten Weines dazu runden den ruhigen Abschluss unseres ersten Tages in Rom ab. Schließlich wollen wir wegen tropfender Nase und ausführlichem Programm am Mittwoch rechtzeitig in die Betten.

Der Mittwoch steht für uns erst einmal im Zeichen des Vatikans. Daher laufen wir nach unserem morgendlichen Cappuccino mit Teighörnchen zur Piazza delle Republica, um mit der U-Bahn bis zu den Vatikanischen Museen zu fahren. Klappt nach einigem Suchen auch alles prima. Und am U-Bahn-Ausgang brauchen wir dann eigentlich nur den Touristengruppen hinterherzulaufen, die vor uns herlaufen. Während dann allerdings die Einen gleich zum Petersplatz streben, laufen wir mit den anderen Richtung Museen. Daran kann auch der junge Mann nichts ändern, der uns noch Schwarzmarktkarten für die wöchentliche Audienz des Papstes verkaufen will. Wir fragen ihn nicht einmal nach dem Preis, sondern laufen gleich weiter. Vor dem Eingang hat sich schon eine Schlange gebildet, die sich aber zügig ins Gebäude hineinschiebt. Relativ flott stehen wir mit unseren Eintrittskarten innen auf einem Außenbalkon, der einen lieblichen Blick auf die Domkuppel bietet. Auf dem Innenplatz werden klassische Skulpturen gezeigt, vor dem Giebel steht die Cortile della Pigna aus dem alten Rom und mitten auf dem Platz ein sich drehender goldener Ball, der sich gut als Kontrast zum historischen Drumherum macht. Drinnen sehen wir uns die ägyptische und römische Sammlung mit u. a. der Laokoongruppe an der cortile ottagonale an. Dummerweise verpennen wir den Abzweig zur Pinakothek und verpassen so einige Gemäldeklassiker, werden allerdings mit Wandteppichen und farbenfroh gemalten Karten der italienischen Provinzen belohnt. Natürlich gelangen wir dann zu den Stanze von Raffael, die in zum Teil überraschend kleinen Gemächern von Julius II. untergebracht sind. Weiter geht’s dann zum Höhepunkt unseres Besuches, denn auf einmal stehen wir mitten in einem einfachen rechteckigen Raum, in dem es nur so wimmelt von Menschen. Hier muss es also viel zu sehen geben. Und wirklich, als ob die Eintönigkeit des Raumes überdeckt werden muss, so sind hier wirklich alle Wände und Flächen bedeckt mit den schönsten Gemälden, die man sich vorstellen kann. Michelangelos Deckenfresken erschließen sich einem erst beim längeren Hinsehen, während das Jüngste Gericht an der Stirnseite beim Zuschauen immer wieder anders wirkt, ganz als ob das Bild ständig in seiner konzentrischen Bewegung gefangen sei. Die meisten Touristen verhalten sich hier doch angemessen, nur einige haben nichts besseres zu tun als zu plappern, was ihnen sofort einen Verweis der Aufpasser einbringt. Aber trotzdem kann mich gar nichts von der Betrachtung der Fresken ablenken. Es ist nur so schade, dass mir durch all das Viele kaum der Blick fürs Detail bleibt. Wer achtet schon auf eine kleine Sybille, wenn daneben Gottvater seinem Geschöpf Adam die Hand zustreckt? Und wer kann sich auf einen Botticelli konzentrieren, wenn an anderer Stelle Jesus in der Gestalt eines riesigen Apolls die Verworfenen von den Auserkorenen trennt? Alles, was danach noch kam, konnte sich kaum noch richtig einprägen, so beeindruckend war die Sixtinische Kapelle. Robert, der inzwischen zum dritten Mal hier war, hatte auch keine große Lust mehr, sodass wir uns dann recht zügig über die Wendeltreppe nach draußen verabschieden.

Dieses war aber erst der erste Streich unseres großen Doppelschlags am Mittwoch. Denn wir wollen ja noch den Dom besuchen. Ha, aber das sind wir nicht die einzigen: Der Petersplatz ist ein einziges Tohuwabohu von Menschen, die kreuz und quer herumzulaufen scheinen, und erst nach einem Moment erkenne ich, dass es auch hier Schlange stehen heißt; wohl aus Sicherheitsgründen müssen sich alle Besucher des Doms bei einem Metalldetektor kontrollieren lassen. Zum Glück bewegt sich die Reihe recht schnell weiter und wir kommen schnell weiter. Die große Leinwandprojektion der Papstaudienz ist zum Glück auch vorbei, sodass uns das verkniffene Gesicht von Ratzinger des Weiteren erspart bleibt. Was Robert allerdings nicht erspart bleibt, ist ein unangenehmer Kaugummifleck auf seiner Jeans, als er sich irgendwo kurz anlehnt. Mit ein wenig Papier beseitige ich die hässlichsten Schlieren, aber natürlich ist schon viel Baumwollstoff verklebt. Was für ein Souvenir vom Papst!

Der Petersdom präsentiert sich dann als riesiges Bauwerk. Nicht so düster, wie ich dachte, und auch nicht so überladen, wie ich dachte. Naja, bei der Größe hier verteilt sich der Inhalt eben auch auf eine schier unbegrenzte Fläche. Die Pieta von Michelangelo hinter ihrer Glasscheibe wirkt fast klein, und auch die wunderschöne Petrusskulptur wirkt fast ein wenig verloren auf ihrem Sockel. Dazu kommt noch, dass alle guten Pilger mit ihren Fingern über die Zehen des Apostels fahren. Das ist halt Aberglaube in Reinkultur, von dem wir aber noch mehr sehen werden. Besonders beeindruckend ist aber der Lichteinfall durch die Glasfenster. Die Lichtstrahlen bahnen sich deutlich erkennbar einen Weg durch die Dämmrigkeit des Doms. Und das sieht schon prächtig aus. Für die Papstgräber wollen wir uns dann noch einmal anstellen, aber den Kuppelanstieg, der zudem auch noch Geld kostet und bei dem Robert nicht einmal mitkommen würde, wird ersatzlos gestrichen. Wir steigen also hinab in die Keller, wo noch einige Reste der alten Basilika zu erkennen sind, und tapern an ein paar wenigen Päpsten vorbei (wo ist bloß der Rest), bis wir einen andächtigen Menschenhaufen sehen. Dort ist das Grab Johannes Paul II., vor dem Gläubige mit verklärtem Blick auf den Knien herumrutschen. Und all dieser Gläubigkeit zum Trotz, versucht einer dieser devoten Gäste doch noch ein Foto von der weißen Marmorplatte mit dem Namen des ehemaligen Papstes zu machen, was der Dame tierischen Stress mit einem der Aufseher einbringt. Geschieht ihr ganz recht. Aber das passiert immer wieder, dass die Regeln zum Fotografieren und Verhalten von ignoranten und ichbezogenen Besuchern bewusst ignoriert werden. Schade immer nur dann, wenn keine Sanktionen folgen. Nach einem Blick auf das Grab des Petrus verlassen wir den stickigen, warmen und vollen Raum wieder und landen wiederum im Petersdom.

Jetzt ist es dann auch genug gewesen. Wir kehren dem Petersdom mit all seinen Prälaten, Nonnen und den Schweizer Garden den Rücken und laufen Richtung Tiber von dannen. Am Tiber bewundern wir dann noch die imposante Größe der Engelsburg, bevor wir weiter Richtung Piazza Venezia laufen. Es reicht erst einmal mit Kultur. Die Füße wollen aus den Schuhen und die Augen endlich einmal zu.

Um halb vier spornt mich meine kulturelle Neugier aber wieder an, mit Kamera und Reiseführer loszuziehen. Über die Via del Corso laufe ich jetzt bis zur Piazza del Popolo. Hier in der Santa Maria del Popolo hängen schließlich wiederum zwei Caravaggios, die mir gestern wegen Mittagspause verwehrt geblieben waren. Die Petrus-Gemälde sind in ihrer Kapelle leider nicht so gut zu sehen, und einen bunten Kunsthandwerkshandel mit Postkarten gibt es hier auch nicht. Gut, dass ich weiß, wie die Bilder aussehen, sodass ich mir das vorstellen kann, was ich hier in seiner Leibhaftigkeit nicht erkennen kann. Die anderen Sehenswürdigkeiten, sind leider gar nicht erst zu sehen. Die Chigi-Kapelle wird gerade restauriert und die delphische Sibille versteckt sich unzugänglich hinter dem Altar. Zum Glück, dass mir das dann doch egal ist.

Unterwegs zu Sankt Agostino stärke ich mich noch mit einem leckeren frischen Brötchen. Schon vorher konnte ich eine 6 GB Chipkarte für die Kamera ergattern, sodass meiner weiteren Knipserei vorläufig keine Grenzen gesetzt sind. Da konnte Sankt Agostino ja kommen, die in unserem guten Reiseführer gar nicht erst beschrieben wird. Tja, wenn in einer Stadt ca. 400 Kirchen sind, fällt da schon mal was raus. Schade eigentlich, denn die Maria mit den Pilgern ist durchaus lohnenswert, sowieso ist der schlichte Charakter mit den offensichtlichen Zeichen der einfachen Frömmigkeit der Besucher durchaus reizvoll. Weniger reizvoll ist dann wieder so ein Tourist, der das Schild „No Flash“ einfach ignoriert und seine Kamera auf das Gemälde richtet. Das muss doch früher oder später dazu führen, dass alles gesperrt und geschlossen wird.

Für fünf Uhr habe ich mich mit Robert verabredet und muss mich leicht sputen, damit ich rechtzeitig wieder an der Via del Corso bin. Zeit genug aber noch, um ein paar Fotos der Säule des Mark Aurel direkt gegenüber der Shopping Mall zu machen, an der wir uns verabredet hatten. Hier durchforsteten wir die Bestände an Büchern, CDs und DVDs, bevor wir uns zum Caffè Freddo niederließen. Dann zockelten wir zum Campo de‘ Fiori, wo wir nach einigem Herumsuchen – die Tipps aus dem Reiseführer taugen bei Gott auch nicht immer – direkt am Platz eine Kleinigkeit zu uns nahmen. Herrlich entspannt war die Atmosphäre hier am frühen Abend. Musik erklang, Touristen schwatzten in allerlei Sprachen und Robert und ich übten uns im Länderraten für Touristen. Ja, die Holländer neben uns brauchte man nicht zu erraten, das hörte man gleich, aber die Engländer daneben konnte man kaum hören, um das geratene Land anhand der gehörten Sprache zu überprüfen.

Wir bummeln weiter Richtung Pantheon, wo wir uns gegen acht Uhr zum Wein niederlassen. Es ist hier inzwischen schon ganz dunkel, sodass es viel später wirkt, als es eigentlich ist, aber das liegt natürlich auch daran, dass wir wieder einmal so viel gesehen und erlebt haben. Wir bestellen uns also noch eine Karaffe Wein und wollen eigentlich schon zu Bett, als Robert auf einmal zwei bekannte Gesichter in der Menge ausmacht. Maren und Oliver hatten uns schon angerufen, dass sie gut angekommen seien, aber jetzt laufen sie uns hier sogar noch über den Weg. Da können wir also noch nicht nach Hause, sondern gehen stattdessen ein Stück mit ihnen, um noch einen Grappa an einem Straßencafé zu trinken, bevor es dann wirklich an der Zeit ist, diesen wunderbaren Tag zu Ende zu führen, und unseren Füßen endlich die Erholung einer horizontalen Bettlage zu gönnen.

Bevor wir uns an diesem Donnerstag, dem 24. September, um 16 Uhr mit Maren und Oliver treffen wollen, haben wir ja noch ein bisschen Zeit, um uns auf die Spuren von Audrey Hepburn und des alten Roms zu machen. Also laufen wir wieder am überweißen italienischen Nationaldenkmal vorbei und gelangen so erst einmal zum Theater von Marcellus, das später zu einer Festung umgebaut wurde, sodass auf den römischen Geschossen Gebäudeteilen neueren Datums herausragen. Vom Apollotempel daneben sind auch nur noch drei Säulen übriggeblieben. Witzig, dass es sich gerne mal um drei Säulen statt zwei oder vier handelt. Dahinter ist das Portico von Octavia, eine Winzigkeit von dem, was hier einst stand, aber immer noch ein schöner Zeuge einer großen Vergangenheit. Hier fängt auch das ehemalige jüdische Ghetto an, dessen jetzt wichtigster Zeuge die Synagoge ist, ein majestätischer Bau am Tiberufer, an dem jüdische Besucher mit und ohne Käppelchen ein- und ausgehen. Und zum Tiber müssen wir auch. Nachdem wir zuerst – Kay führt – mal wieder in die falsche Richtung laufen, bewegen wir uns dann doch zur Piazza della Bocca della Verità. Am Tiber sehen wir noch die Ponte Rotto, die nicht verrottet, sondern einfach nur kaputt ist. An der Piazza stehen zwei niedliche kleine Tempel, ein rechteckiger von Portunus und ein runder von Herkules, die beide noch vollständig einschließlich Dach intakt sind, weil sie von Christen als Kirche benutzt wurden. Aber auch wäre ein wenig Restaurierung sicherlich angebracht. Auch der Janusbogen ist noch imposant, aber wir sind hier natürlich wegen Santa Maria in Cosmedin. Es wird sich noch zeigen, dass die ganze Kirche beeindruckend ist, aber wir haben uns natürlich wegen des Mundes der Wahrheit locken lassen, der in der Galerie am Eingang steht. Aber wir sind nicht die einzigen, die Roman Holiday gesehen haben; vor allem in Japan scheint dieser Klassiker bekannt zu sein, denn vor und hinter uns steht schnell eine Warteschlange mit japanischen Touristen, die ebenfalls erproben wollen, ob dieser ehemalige Gullydeckel mit Maul ihnen aufgrund ihrer Lügenhaftigkeit die Hand abbeißt. Aber alles hübsch der Reihe nach. Für jeden Touristen ein Foto, worauf ein Italiener, der sich auch mal als Fotograf nützlich macht, wohlweislich achtet. Dafür geben wir dann eine Spende von 50 Cent für den Opferstock. In der Kirche, die ursprünglich aus dem 6. Jahrhundert stammt, gibt es auch noch genug zu sehen. Uns beiden gefällt diese mittelalterliche Einrichtung mit Chor, Mosaiken und Altar viel besser als der barocke Firlefanz, der immer wieder nur unter Beweis stellt, dass viel nicht unbedingt besser ist. Wahre Schönheit liegt in überzeugender Schlichtheit, nicht in Klimbim und Schmuck.

Über die Palatinsbrücke überqueren wir den Tiber und kommen nach Trastevere, das Stadtviertel, das laut vielen noch immer am stärksten die Lebensart der Römer vermittelt. Gleich gegenüber lockt in Schild zur Kirche St. Cecilia. Da sind wir es unserer Ceci selbstverständlich schuldig, dass wir diese Gasse weiter hinablaufen, bis wir zur Piazza della St. Cecilia kommen. Hinter einem Torbogen steht die Kirche, die der heiligen Cecilia, der Schutzheiligen der Musik, geweiht ist. Ungläubige wollten sie in siedendem Wasser töten, und schlugen ihr dann, weil das nicht gelang, einfach den Kopf ab. Um 1600 wurde ihre Leiche ausgegraben, sodass der Künstler Madermo anhand des gut erhaltenen Körpers eine Skulptur der wunderbaren Frau anfertigen konnte. Die ist auch heute noch am Altar zu bewundern. Eigentlich ist es inzwischen allerhöchste Zeit zum Kaffee, aber auf dem Wege dorthin statten wir auf Vorschlag Roberts – jaja, Robert schlägt vor, eine Kirche zu besuchen – der San Crisogono noch einen Besuch ab. Auch in dieser alten Kirche sind wieder wunderbare Mosaiken zu bewundern. An der Piazza di Santa Maria in Trastevere ist es dann aber endlich Kaffeezeit. Wir hatten sowieso schon festgestellt, dass wir bei der Suche nach Restaurants wunderbare Cafés fanden, und umgekehrt. Aber hier an der Piazza haben wir wirklich Glück und ich lasse mir einen Cappuccino doppio kredenzen, damit ich endlich mal einen richtigen Koffeinschuss erhalten würde. Das Wetter bleibt auch stabil und wurde sogar immer sonniger. So können wir den schönen Brunnen und die Mosaiken an der Fassade von Santa Maria im schönsten Sonnenschein fotografieren.

Nach der dritten Kirche an diesem Morgen bummeln wir durch die Straßen an dem Palazzo Farnese zum Tiber und überqueren ihn bei der Ponte Sisto. Dann geht es wieder quer durch die uns bekannten Stadtviertel zu unserem Hotel. Durch unsere Erkundungsgänge durch Rom lernen wir die Stadtviertel immer besser kennen und konnten immer häufiger ohne Stadtplan und Führer auskommen, wenn wir von einem Ort zum anderen bummeln. Im Hotel entscheiden wir uns für eine mittägliche Siesta, damit wir zu unserem Treffen mit den beiden Verwandten wieder hübsch und frisch sein würden. Das Ergebnis ist nicht ganz überzeugend, aber immerhin schaffen wir es pünktlich bis vier Uhr zur Spanischen Treppe, die bei mir nun überhaupt keine romantischen Rom- oder Roman Holiday-Gefühle auslöst. Eine geschwungene Treppe unterhalb einer Kirche, auf der sich Touristen tummeln, die sich für ein pseudowitziges Foto am Brunnen oder auf den Stufen zum Narren machen. Nichts für mich. Gut, dass wir schnell Gesellschaft bekommen. Im Wechsel machen wir noch die obligatorischen Gruppenfotos zu zweit, zu dritt und zu viert, bevor wir uns zum Schaufensterbummel durch die Via della Condotti aufmachen. Nun gehören Jacken für 8.000 Euro zwar nicht gerade zu unserem Finanzspielraum, aber das Schlendern und Bewundern lohnt sich hier sicherlich, denn die Italiener verstehen es – übrigens in allen Einkaufsstraßen und nicht nur hier an der Nobelmeile – die Schaufensterauslagen aufs Geschmackvollste zu präsentieren. Dabei kommt man oftmals auch ohne peinliche Schaufensterpuppen und unglücklich gewählte Attribute aus. Von links geht’s nach rechts und auf einmal stehen wir wieder am Platz, wo wir gestern schon unseren ersten Grappa getrunken haben. Nach langem Warten auf den Ober gibt’s auch hier noch Stärkendes, aber den Alkohol heben wir uns für später auf. Erst beim Straßencafé am Pantheon verwöhnen wir uns mit dem ersten Prosecco des Tages, während wir mit Oliver und Maren über Familie, Freizeit, Reisen und wenig von der Arbeit sprechen. Der Bummel zu viert macht viel Spaß und ist eine willkommene Abwechslung zu unseren Erkundungstouren zu zweit, weil vier Augenpaare die Dinge doch wieder anders sehen als zwei. Und immer wieder fällt auf, dass in Rom so viel zu sehen ist, dass man die gleichen Straßen durchgehen kann, um doch wieder festzustellen, dass es Neues zu entdecken gibt, oder bekannt Geglaubtes im anderen Licht auch ganz anders wirkt. In einer Seitenstraße beim Pantheon lassen wir uns dann zu ein gutes Abendessen auftischen, obwohl ich zugeben muss, dass ich den Ochsenschwanz auf römische Art doch nicht noch einmal bestellen würde. Nach dem abschließenden doppelten Grappa ist es doch wieder spät geworden. Wir verabschieden uns von den beiden Stuttgartern und ziehen wieder zurück zu unserem Hotel an der Piazza Venezia. Das Zimmer ist wieder stickig und warm, sodass es mit dem Einschlafen nicht ganz einfach ist. Aber unsere Füße freuen sich, dass nicht nur mehr Blut in sie hinabsinkt und stattdessen langsam abgepumpt wird.

Freitag fangen wir unseren Tag wie gehabt mit Cappuccino, Teigplunder und Boney M in dem kleinen Café Antica Roma neben unserem Hotel an. Robert will dann noch einmal zum Kolosseum, um im Sonnenschein noch ein paar Eindrücke mit der Kamera einzufangen, was gut zu meinem Wunsch passt, zur Dreikomponentenkirche San Clemente zu gehen. Aber am Kolosseum stehen jetzt schon unglaublich viele Menschen, sodass stimmungsvolle Aufnahmen nur möglich sind, wenn man über all die Menschen hinweg filmt. Nach einigem Suchen finden wir dann die Straße, die von der Piazza Colosseo abzweigt, und uns zu der alten Kirche San Clemente führt. Von außen recht unscheinbar, ist der Innenraum oben im klassischen Stil mit einem wunderbaren Apsismosaik gehalten. Die Barockkünstler haben nur ein paar Elemente verschandeln können. Interessant sind hier aber die Untergeschosse, denn im ersten Untergeschoss verbergen sich Kirchengwölbe aus dem 4. Jahrhundert. An verschiedenen Stellen finden sich hier noch Fresken aus dem 11. Jahrhundert. Und darunter sind noch römische Baureste zu erkennen, von denen der Mithrastempel sicherlich zu den Höhepunkten zählt, aber auch die Frischwasserquelle im Untergeschoss ist faszinierend. Das einzig Störende ist eine skandinavische Schulklasse, denn die Schüler sind mit allem Möglichen beschäftigt, nicht aber mit der serenen Schönheit der antiken Wunder. Aber dann nimmt man sich halt ein bisschen mehr Zeit und sieht sich einige Räume noch einmal an; schließlich wollen die Kids schnell wieder nach oben und z. B. andere wichtige Dinge machen wie aufs Klo zu gehen.

Nach einem Kaffee ums Eck bummeln wir durch den Park oberhalb des Kolosseums zurück Richtung Hotel. In den kleinen Straßen lassen sich überall kleine Wunder und Schönheiten entdecken, sodass der Gang durch diese Straßen und Durchgänge nicht langweilt. Robert macht sich zur Siesta ins Hotel auf, während ich um die Ecke gehe, damit ich dem Palazzo Doria Pamphilj einen Besuch abstatten kann. Hier hängt Caravaggios Ruhe auf der Flucht nach Ägypten. Also werfe ich dem Personal dort wieder teuer Geld in den Rachen, um Einlass zu finden und wandere durch den Kreuzgang zum Treppenaufgang, der mich in den ersten Saal führen wird. Endlich ein unbekannteres Museum, das nur wenig Besucher lockt. Wunderbar. Keine plärrenden Touristen, die sich ausgiebigst daneben benehmen, sonder wenige Kunstfreunde, die still und andächtig durch das Barockinnere gehen. Die Sammlung hier ist so groß, dass die Bilder auf drei Ebenen übereinander hängen. Und das ist dann auch noch in übermäßig verzierten Barocksälen untergebracht, sodass sich das Auge wahrhaft einen Ruhepunkt suchen muss. Den suche ich mir erst einmal bei den Caravaggio-Gemälden, die mir hier am besten gefallen, wenn auch das Gemälde Innozenz X. von Velázquez sicherlich beeindruckend ist. Kein Wunder, dass dieser Papst von dem Gemälde meinte, dass es zu echt sei. Nach einem kostspieligen Besuch im Museumsladen stehe ich wieder auf der geschäftigen Via del Corso, um Robert zum gemeinsamen Einkaufsbummel abzuholen.

Durch unsere Erkundungsgänge der vergangenen Tage wissen wir inzwischen schon gut, wie wir laufen müssen und wo uns ungefähr welche Geschäfte erwarten. Dass es wirklich erst vier Tage sind, die wir in dieser Stadt verbringen! Aber dieses Wissen führt dazu, dass wir auch schnell Taschen mit neuen Schätzen mit uns führen, und dabei handelt es sich nicht nur um Kaffee von Tazza d’Oro, wo wir noch einmal zum Cappuccino einkehren. Aber zwischen Pantheon und Spanischer Treppe, die wir weiträumig umgehen, finden sich viele schöne Geschäfte, die uns locken: manche erfolgreich und manche – wie der Dolce Gabbana-Laden – zum Glück nicht. Also müssen wir unsere Tüten doch erst einmal zum Hotel zurückbringen, bevor unser Abendprogramm anfängt. Taschenfrei gehen wir los zur Via Nazionale, bei der wir unserem Opernarienabend in einer Kirche beiwohnen wollen. Da wir früh sind, bleibt noch Zeit für großes Bier und salzige Pizza, sodass wir den Rest des Abends Durst haben. Aber nach dem Schlangestehen am Kircheneingang mit vielen älteren Herren und Damen finden wir ein schönes Plätzchen mit Blick aufs Podium. In historischen Kostümen, was dem Ganzen einen starken Eindruck von André Rieu vermittelt, werden die sogenannt schönsten Opernarien vorgetragen. Das kleine Orchester mit drei Violen, zwei Celli, einem Horn, einer Flöte und einer Klarinette nebst Klavier schlägt sich sehr würdigenswert, während die vier Sänger nicht alle das gleiche Niveau aufweisen; Tenor und Sopran sind deutlich am besten. Vor allem der Bariton scheint die ganze Zeit mit Schwulst und Timbre seine beschränkte Artikulation und Ausdrucksstärke ausgleichen zu wollen, was dem Tenor alles spielend gelingt, und der darüber hinaus auch noch sein italienisches schauspielerisches Talent einsetzt, um das Publikum zu bezirzen. Trotz einiger Ausrutscher wie bei Cruda Sorte des Mezzosoprans kommen wir voll auf unsere Kosten und verlassen mit einem erfüllten Operngefühl um zehn Uhr die Kirche. Die Suche nach einem ansprechenden Absackercafé erweist sich wieder einmal als schwierig, sodass wir letztendlich bei uns vor dem Hotel zu Campari und Cola einkehren. Die letzte Nacht in Rom schlafen wir endlich gut, weil wir der Klimaanlage doch nicht vertrauen und stattdessen einfach bei weit geöffnetem Fenster schlafen.

Samstag brauchen wir dann keinen Wecker, damit wir um halb acht aus dem Bett kommen. Die Koffer sind schnell gepackt und der letzte Kaffee bei Antica Roma schmeckt wiederum herrlich. Schade, dass wir, gerade wo uns die Menschen wiedererkennen, die Stadt verlassen müssen. Das Los der Touristen halt. Vom Hotel lassen wir uns eine Taxe kommen, die so schnell da ist, dass wir gar nicht glauben, dass es die richtige ist. Für einen anständigen Preis von zehn Euro geht’s dann zu Roma Termini. An dem riesigen Bahnhof sind wir jetzt tatsächlich zwei Stunden zu früh, sodass sich noch genügend Zeit zum Herumschauen und Schreiben bietet. Hin und wieder kommen Bettler, die um Almosen betteln. Es ist erstaunlich, wie viele Bettler in dieser Millionenstadt herumlaufen: Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm, zerlumpte Frauen an Kircheneingängen und Krüppel im klassischen Sinne, die an Gehsteigen liegen. Solche Invalide, denen viele Gliedmaße fehlen, oder die unbenutzbar verdreht sind, scheint es bei uns kaum zu geben. Wahrscheinlich ist es aber so, dass die Behinderten bei uns wohl alle in Einrichtungen untergebracht sind (und somit unsichtbar sind) und es vielleicht weniger Krüppel durch tragische Arbeitsunfälle gibt. Und während ich dies schreibe, landet auf unserem Tischchen im Zug, in dem wir inzwischen sitzen, ein Zettel einer Bettlerin, die ihr trauriges Schicksal schildert und dafür ein Almosen haben möchte. Gleich rollt unser Zug aus dem römischen Hauptbahnhof Termini und bringt uns dann hoffentlich in vier Stunden nach Venezia St. Lucia, wo der zweite Teil unserer Reise seinen Ausgang nehmen wird.

Advertisements

Über kaynerlei

Übersetzer, Dolmetscher und Deutscher mit Wahlheimat in den Niederlanden, liebem Ehemann, zwei Hunden und Faible für Oper und schöne Stimmen
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s