Italienreise dritter Teil – München

Eigentlich zählt München ja nun wirklich nicht zu Italien, aber da es auch als nördlichste Stadt Italiens bezeichnet wird, sei’s eben drum. Zunächst müssen wir allerdings hinkommen. Der Zug nach Verona liefert uns mit leichter Verspätung ab und wir können direkt in den Schnellzug nach München umsteigen. Dabei stellt sich jedoch heraus, dass wir in einen ziemlich alten Waggon mit Abteils müssen, und ausgerechnet in unserem Abteil haben es sich drei Chinesen mit Obst- und Gemüsebeutel, Socken und viel, viel schlechter Luft schon zum Schlafen gemütlich gemacht. Da fege ich erst einmal die Gardinen auf, reiße das Fenster auf und gucke die drei kritisch ermahnend an, die spornstreichs ihre Füße auf die dahin bestimmten Plätze einziehen, ihre Brotzeit beiseite räumen und sich dann leise schnatternd unterhalten. Die Fenster, von denen ich dachte, dass sie aufgrund schlechter Luft beschlagen seien, erwiesen sich als dauerhaft tropfnass, weil die Thermopenschicht wohl schon vor Zeiten undicht geworden ist. Also blicken wir links und rechts am Fensternebel vorbei in die Landschaft, die uns schnell in die Dolomiten mit wunderbaren Berg- und Tallandschaften führt, bevor es dann über Südtirol über den Brenner nach Österreich geht, wo sich uns noch mehr Märklin-Modelleisenbahnlandschaften präsentieren. Mit dem Schlafen will es leider nicht so recht klappen, aber wir sitzen entspannt auf unseren Plätzen. Im Zug gibt es sogar einen Bistrowagen, der sich bedauerlicherweise genau am anderen Ende des Zuges befindet. Es dauert ein paar Stunden, bis ich mich dann aufraffe, um mich durch schmale Gänge an Abteils entlang zu schlängeln, bis ich nach sechs oder sieben Waggons gut durchgeschüttelt in einem kahlen Wagen lande, der mich sofort an Mitropa erinnert, nur hier in einem schäbigen Braun gehalten. Der Kaffee wird zwar in einem echten Espressoapparat gemacht, aber die braune Tunke voller Kaffeemehl in den ollen Pappbechern sieht nicht gerade aus, als hätte sich dafür der weite Weg gelohnt. Milch gibt’s nicht, sodass ich mich stolpernd wieder zurück auf den Weg zu unserem Abteil mache. Nur weniger Tropfen verschütte ich mir über die Hand und der Rest rinnt dann im Abteil in unser beider Kehlen. Yvonne hat uns inzwischen gesimst, dass sie in München eingetroffen sind. Gut so. Wir laufen das kurze Stück vom Bahnhof zum Hotel, melden uns an, bringen die Sachen in die Zimmer und räumen das Nötigste weg. Unten warten die anderen schon auf uns. Wenn ich aber gedacht hatte, dass die vier Australier nach ihrem langen Herflug höchstens ein Bierchen zischen wollen, bevor sie ihren Jetlag wegschlafen wollen, sehe ich mich getäuscht. Stephen entscheidet sofort für alle, dass wir ins Hofbräuhaus müssten, dass schließlich weltweiten Ruf genießt. Mit einem kleinen Stadtplan bewaffnet, zockeln wir los und gelangen am Alten und Neuen Rathaus (welches ist nun älter oder sieht älter aus) treffsicher bei Adolfs alter Stammkneipe. Bevor wir eintreten, müssen wir allerdings erst gegenüber beim Hard Rock Café noch eine Kneipennadel für Stephen kaufen, der sich die Café Badges aus allen Orten an die Jacke heftet. Wir schmunzeln und erklären Richard und Maree, den australischen Freunden der beiden, wo das Hard Rock Café in Venedig ist. Dann geht’s an Maßkrüge und Schweinsbraten im Hofbräuhaus. Dort ist es voll, aber wir finden noch Platz bei zwei freundlichen Schweden. Die Bedienung ist ziemlich im Stress und rennt dann mit Bierkrügen und Fleischtellern hin und her. Die Prosecco-Flaschen für die Damen kriegt sie auch nicht auf. Uns kann’s egal sein. Wir sehen uns das rege Treiben an, hören der Blasmusik zu und verwundern uns über all die aufgeregten Gäste und Besucher, die hier voll auf ihre Kosten kommen. Unser erster Vorgeschmack aufs Oktoberfest. Nachdem wir dann eine beleidigte Bedienung zurücklassen, die mich ziemlich knausrig fand mit meinen lumpigen Euro Trinkgeld, steigen die Australier ins Taxi, um sich ins Hotel fahren zu lassen, während Robert und ich in Ruhe zum Hotel zurückschlendern, wo wir wunderbar bis zum nächsten Morgen schlafen können.

Zum opulenten Frühstück um 9 Uhr sind wir wieder alle zusammen. Richard und Maree sehen auch nicht mehr ganz so Jetlag-geschädigt aus und wir alle sind ganz tatendurstig und wollen jetzt doch das Oktoberfest erleben. Zuerst aber geht’s zu einem Billigladen zwei Straßen weiter, in dem wir unser Outfit erstehen. Die Lederhosen sind Robert und mir immer noch zu teuer, aber für fesche Hemden, Hüte und zünftige Halstücher reicht es allemal. Stehen und Richard lassen sich natürlich nicht lumpen und ziehen sich bestickte Lederhosen an, während die Damen im schicken Dirndl einen echt bayrischen Auftritt haben. Da kann’s losgehen. Gleich am Eingang des Fests halten wir schon bei einem Bierkarussell zum ersten Weißbier. Prost zusammen. Danach zieht es Stephen zielstrebig zur nächsten Biertränke. Am Hippodrom haben wir dann Glück, oder wie immer man das auch nennen mag. Ein Ober schleust uns nach oben an einen Tisch. Hier war wohl seine Reservierung geplatzt und er sucht mit uns einen zahlungskräftigen Ersatz. Also bestellen wir brav Bier und eine Brotzeit, wollen dann aber auch in Ruhe gucken dürfen, ohne dass uns noch a Henderl oder ein Schnaps angeboten wird. Stephen begreift schnell, was es mit „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ auf sich hat, und knallt jedes Mal mit einem strahlenden Lachen seine Maß in die Menge. Er ist auch für jeden Schwatz mit anderen Gästen zu haben, während ich mich lieber aufs Gucken und Wundern beschränke. Gegen drei Uhr müssen wir den Tisch dann räumen, weil die nächsten Gäste kommen. Wir haben aber sogar noch in zwei Zelten Glück und finden Platz für uns sechs, aber dann ist auch endgültig Schluss. Danach finden wir noch Platz im Freien und dort ist es trotz Heizstrahler ziemlich frisch. Wahrscheinlich sind wir einfach nur müde. Wir machen noch eine Zwischenstation in einer Kneipe gegenüber der Wies’n, aber das ist auch kein großer Erfolg. So sind wir früh, aber doch leicht onduliert, zurück im Hotel, um wie betäubt in unsere Betten zu fallen.

Freitag ist die letzte Möglichkeit zum Shoppen, weil Samstag ja der Tag der deutschen Einheit ist. Beim gemeinsamen Frühstück werden dann wieder Pläne geschmiedet: Während die vier Touristen zum KZ Dachau fahren, kommt Robert mit mir zur Buchladentour. Wir nehmen die U-Bahn und laufen dann zur Buchhandlung Max und Milian, einem der letzten schwulen Buchläden in Deutschland. Hier ist eine schöne und gute Auswahl an Büchern, DVDs und Karten, aber wir müssen leider aufpassen, dass wir unsere Übergepäckgrenze nicht noch weiter überstrapazieren, sodass ich mich so weit wie möglich einschränke. Nebenan halten wir dann noch zum obligatorischen Cappuccino. Aber was für ein schnuckeliges kleines Café, wo der Kaffee in alten Blümchentassen serviert wird, die zu den Polsterstühlen und der gründerzeitmäßig anmutenden Einrichtung passen. Und dazu noch liebenswertes Personal. Da seufzen wir beide gleich, dass uns so etwas doch wirklich in Eindhoven fehlt. Weiter geht’s dann Richtung Marienplatz, wo wir Buchhandlung Hugendubel erkunden. Mit der Schere des Übergewichts im Kopf halte ich mir hier auch brav zurück, sodass wir hier nur einen Eukalyptusstift für Roberts Schnupfnase erstehen. Nach ein paar kleinen Umwegen durch Modeläden und Brezelstand landen wir zeitig wieder im Hotel, sodass wir noch Zeit zur Augenpflege haben, bevor wir in unserem Bayern-Outfit wieder unten stehen, damit das Oktoberfest wieder sechs weitere Besucher verzeichnen kann. Jetzt ist es hier wirklich voller und ein buntes Treiben mit Trachten, Krachledernen, Dirndln und Hüten, was in Bezug auf Sitzplätze in Zelten alles andere als Gutes verheißt. Und wirklich, manche sind schon wegen Überfüllung geschlossen, andere erlauben den Zutritt nur mit Karten, während die Restplätze in den anderen Zelten alle reserviert sind. Und diese Reservierung hätten wir schon vor drei bis vier Monaten machen müssen. Da sind wir also ein bisserl spät dran, freuen uns daher um so mehr, dass wir noch einen Tisch auf einem kleinen Innenplatz im Freien finden, wo wir schon bald von der sympathischen Dagmar aus Österreich bedient werden, die uns immer wieder Maßkrüge, Weißweinschorlen, Radler und auch Hähnchen, Brezeln und Obatz’n bringt. Zwischendurch sorgen ein paar Volksmusikanten für Abwechslung und Gaudi, während die Herrscharen der Italiener (dort ist heute Feiertag) für extra Bierkonsum sorgen. Es fällt auf, wie viele Schnaps- und Bierleichen an den Tischen herumsitzen oder über die Wege herumtorkeln. Da blicken viele – vor allem Männer – nicht mehr geradeaus, und müssen von ihren Freunden, Freundinnen oder anderen Bekanntschaften gestützt und geführt werden. Zwischendurch rennen die Sanitäter von links nach rechts. Aber alles ist gut organisiert und ich fühle mich weder unsicher noch gefährdet. Allen Al Qaida Drohungen zum Trotz. Und allen möglichen Alkoholterroristen zum Trotz. Dieses Mal verlassen wir die Theresienwiese ein wenig früher und Robert gehen zurück zum Hotel, während es für Stephen natürlich noch viel zu früh ist, und die vier noch eine Kneipe besuchen. Das ist prima so.

Eigentlich wollen wir am Samstag ja nach Neuschwanstein, aber als ich sehe, dass allein schon die Zugfahrt zweieinhalb Stunden dauert, schlage ich den anderen vor, stattdessen einen Stadtrundgang zu machen, nachdem ich mich vorher deutlich gemacht habe, dass eine Stadtrundfahrt im offenen Bus wirklich nichts für mich wäre. Die anderen stimmen gerne zu und bei strahlendem Sonnenschein – wir haben wirklich noch immer Glück mit dem Wetter – ziehen wir los am Alten Botanischen Garten vorbei, kommen über den Odeonsplatz dann zur Residenz, wo ich für uns Komplettkarten erstehe, die uns die Schatzkammer, das Residenzmuseum und die eigene Oper eröffnen. Ich habe gar nicht erwartet, dass der Komplex so groß ist, aber nach den noch relativ übersichtlichen Sälen der Schatzkammern mit Kronen, Ketten, Tafelschmuck, Zierrat, Reliquiaren und anderen Schmuckstücken schließen sich im Residenzmuseum Säle an Zimmerfluchten an, die sich mit neuen Attributen immer weiter fortzusetzen scheinen. Es ist faszinierend, welche Schönheiten hier entstanden sind und nach dem Kriege wieder restauriert wurden. Auch wenn dies nicht überall gelungen ist, bestechen die Räumlichkeiten mit ihren Einrichtungsgegenständen bis heute durch ihr Aussehen. Krönender Abschluss war die kleine Hofoper, wobei der Begriff klein sicherlich nur relativ zu sehen ist. Ein richtiger klassischer Opernsaal wie aus dem Film offenbart sich uns hier. Die Oper ist in den vergangenen Jahren liebevoll restauriert worden und erstaunt uns schon in der davor liegenden Echohalle, wo unser Klatschen sekundenlang nachhallt. Nach so viel Kunst und Kultur ist es Zeit für ein Mittagessen, für das wir ein Straßencafé finden, bei dem wir ausgiebig gucken können. Das Essen schmeckt uns gut, aber die Weißwürste lassen alle liegen. Bei aller Liebe zu Bayern, aber was genug ist, ist einfach genug. Beim neuen Rathaus werden wir leider nicht mit dem Glockenspiel und Figurentanz begeistert, und der Virtualienmarkt ist heute auch zu. Also führen ich unsere Gruppe wenigstens noch in die Frauenkirche, aber die fünf stehen Ruckzuck wieder am Ausgang. Doch lieber Kaffee. Die Männer hatten sich am Marienplatz noch mit einem Weißbier gestärkt. Im Hotel nehmen wir uns noch eine kurze Auszeit, um den Koffer zu packen und ein wenig zu entspannen, bevor wir am Abend noch etwas trinken wollen. Stephen hat da noch was gesehen in der Nähe. Als er dann allerdings auf eine ordinäre Sportkneipe zusteht, sackt mir das Herz erst einmal in die Beinkleider. Nach dem ersten Bier kann ich dann aber über die Volldeppen und angetrunkenen Vollpfosten lachen. Und dann ist es zwischen Augenbauen hochziehenden Obern, Schnupftabak schniefenden Jünglingen und Fußball begeisterten Halbstarken schnell wieder halb zwölf. Zeit für uns, das letzte Bier zu kippen und unsere Zimmer aufzusuchen.

Sonntag bin ich etwas überpünktlich um sechs Uhr wach und zähle Schäfchen, bis um halb acht mein Wecker klingelt. Beim Frühstück treffen wir Richard und Maree, die auch zum Flughafen müssen. Auch Stephen und Yvonne gesellen sich zu uns. Noch einmal leckeren Obstsalat mit Latte Macchiato und Cappuccino, den die Bedienung uns persönlich kredenzt. Dann holen wir die Koffer, checken aus und schlenkern unsere Koffer zum Bahnhof, wo wir die S-Bahn zum Flughafen nehmen. Der S-Bahn-Zug ist voller Reisender, sodass die Gänge voller Koffer und Taschen stehen. Am Flughafen erreichen wir schnell unseren Terminal, reihen uns zum Einchecken und zum Sicherheitscheck ein, und vertreiben dann die Zeit bis zum Abflug mit zollfreiem Shopping, Kaffee trinken und Umschauen. Wiederum hat also auch alles prima geklappt. Wenn auch die letzte Etappe so gut läuft, können wir wirklich auf eine reibungslose ohne irgendwelche Trübungen zurückblicken. Vom Sightseeing in Rom übers Kanalebummeln in Venedig bis hin zum Bierestemmen in München ist alles abwechslungsreich, problemlos und heiter verlaufen. Und durch das volle Programm erscheinen diese zwei Wochen wie gefühlte vier. Da kann morgen ja fast wieder die Ruhe der Arbeit am Schreibtisch wieder anfangen. Schön, dass ein Urlaub so angenehm verlaufen kann.

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Über kaynerlei

Übersetzer, Dolmetscher und Deutscher mit Wahlheimat in den Niederlanden, liebem Ehemann, zwei Hunden und Faible für Oper und schöne Stimmen
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